Berlin, 01. September 2026. Mehr Frauen in Führungspositionen können die Landwirtschaft zukunftsfähiger machen. Davon ist laut einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag des Forum Moderne Landwirtschaft jede zweite befragte Person überzeugt. Zugleich zeigen die Ergebnisse, wo aus Sicht der Bevölkerung die größten Hürden liegen: bei der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, traditionellen Rollenbildern und der mangelnden Anerkennung der Kompetenz von Frauen.
65,9 Prozent der Befragten halten erfolgreiche Frauen in der Landwirtschaft für wichtige Vorbilder. 50,8 Prozent sind überzeugt, dass mehr Frauen in leitenden Positionen die Zukunftsfähigkeit der Branche positiv beeinflussen. Die größten Hürden sehen die Befragten in der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit 44,2 Prozent, in traditionellen Rollenbildern mit 42,9 Prozent sowie in der mangelnden Anerkennung der Kompetenz von Frauen mit 39,7 Prozent.
Unterrepräsentiert und ausgebremst
Die Einschätzung der Bevölkerung liegt nah an den verfügbaren amtlichen Daten: Eine deutliche Mehrheit schätzt den Anteil von Frauen in leitenden Positionen in der Landwirtschaft auf höchstens 20 Prozent. Tatsächlich wurden 2023 lediglich 11,3 Prozent* der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland von Frauen geleitet.
Ob Frauen und Männer heute die gleichen Karrierechancen haben, beurteilen die Befragten unterschiedlich. Eine Chancengleichheit sehen 44,4 Prozent, 39,1 Prozent widersprechen dieser Einschätzung. Bemerkenswert ist, dass Männer und Frauen den Status quo nach den vorliegenden Ergebnissen ähnlich bewerten. Das deutet darauf hin, dass es weniger um eine klassische Geschlechterdebatte geht, sondern um unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität in der Landwirtschaft.
Für Lea Fließ, seit mehr als zehn Jahren Geschäftsführerin des Forum Moderne Landwirtschaft, ist Sichtbarkeit ein entscheidender Hebel, um historisch gewachsene Strukturen aufzubrechen und Frauen den Zugang zu Führungspositionen zu erleichtern. Sie meint: „Der Begriff Quotenfrau wird oft abwertend benutzt. Dabei geht es nicht um weniger Qualifikation, sondern um mehr Chancen für qualifizierte Frauen. Wenn sich eine Tür öffnet und eine Frau fachlich etwas beizutragen hat, sollte sie die Bühne nutzen. Jede sichtbare Frau macht es der nächsten leichter.“
Fließ betont, dass gezielte Förderung keinen Verzicht auf Qualifikation bedeutet. Vielmehr eröffnet sie kompetenten Frauen Chancen, die ihnen in etablierten Netzwerken und Entscheidungsgremien bislang zu selten geboten werden. Sichtbarkeit allein reicht jedoch nicht aus. Sie muss mit tatsächlicher Verantwortung und langfristigen Karriereperspektiven verbunden sein.
Vereinbarkeit ist der entscheidende Hebel
In einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehen die Befragten den wichtigsten Ansatzpunkt für mehr Frauen in Führungspositionen. Mentoring, Netzwerke und Beratungsangebote können unterstützen, reichen allein jedoch nicht aus.
Wo Kinderbetreuung fehlt, Arbeitszeiten kaum planbar sind oder Verantwortung weiterhin nach traditionellen Mustern vergeben wird, bleiben Frauen strukturell benachteiligt. Das Forum Moderne Landwirtschaft plädiert deshalb für verlässliche Betreuungsangebote in ländlichen Räumen, flexible Führungsmodelle, transparentere Karrierewege und eine bessere soziale Absicherung von Frauen, die auf landwirtschaftlichen Betrieben Verantwortung übernehmen.
Auch bei der Hofnachfolge wirken traditionelle Rollenbilder fort. Töchter werden nach wie vor seltener als mögliche Nachfolgerinnen wahrgenommen oder frühzeitig in Nachfolgeentscheidungen einbezogen. Dadurch verliert die Landwirtschaft nicht nur wertvolles Entwicklungspotenzial, sondern auch qualifizierte Unternehmerinnen.
Wie eine geschlechtergerechte Hofnachfolge gelingen kann, zeigt Dr. Anna Catharina Voges. Die Agrarwissenschaftlerin übernahm den rund 2.500 Hektar großen Familienbetrieb in der Nähe von Leipzig und entwickelte dort ihren eigenen Führungsstil. Für sie sind fachliche und wirtschaftliche Kompetenz, unternehmerischer Gestaltungswille und ein offener Austausch zwischen den Generationen entscheidend. „Hofnachfolge darf keine Frage des Geschlechts sein. Entscheidend ist doch, wer die größte Leidenschaft, das nötige Können und den unternehmerischen Mut mitbringt, den Betrieb verantwortungsvoll in die Zukunft zu führen,“ so Dr. Anna Catharina Voges.
Eine erfolgreiche Hofübergabe ist jedoch nicht nur eine wirtschaftliche und rechtliche, sondern auch eine sehr persönliche Entscheidung. Familien sollten deshalb frühzeitig über Erwartungshaltungen, Verantwortlichkeiten und die künftige Ausrichtung des Betriebs sprechen. Zugleich brauchen Nachfolgerinnen den Freiraum, eigene Ideen umzusetzen und ihren eigenen Führungsstil entwickeln zu dürfen.
Auch die Politik kann dazu beitragen, bessere Voraussetzungen für Frauen in Verantwortung zu schaffen: durch leichter nutzbare kooperative Betriebs- und Führungsmodelle, gezielte Beratung bei Existenzgründung und Betriebsübernahme sowie eine klarere rechtliche und soziale Absicherung von Frauen auf Familienbetrieben.
Frauen machen Landwirtschaft zukunftsfähig
Die Civey-Umfrage zeigt: Viele Menschen sehen erfolgreiche Frauen in der Landwirtschaft als wichtige Vorbilder. Gut jede zweite befragte Person ist überzeugt, dass mehr Frauen in leitenden Positionen die Zukunftsfähigkeit der Branche stärken. Angesichts von Hofnachfolge, Fachkräftemangel und tiefgreifender Transformation kann es sich die Landwirtschaft nicht leisten, auf die Kompetenzen, Erfahrungen und Ideen von Frauen zu verzichten.
Das Forum Moderne Landwirtschaft setzt sich gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben, Verbänden, Politik und Wissenschaft für eine Branche ein, in der Frauen selbstverständlich mitentscheiden, Verantwortung übernehmen und Betriebe führen. Frauenförderung ist damit kein Sonderthema, sondern Teil einer modernen Agrar-, Familien- und Strukturpolitik.
* Quelle: BMEL-Statistik, Betriebsleitung Gleichstellung in der Landwirtschaft, jüngster verfügbarer amtlicher Wert 2023.
Über die Umfrage
Civey befragte im Auftrag des Forum Moderne Landwirtschaft vom 13. bis 14. August 2026 rund 2.500 Bundesbürgerinnen und Bundesbürger ab 18 Jahren. Die Daten wurden im Civey-Online-Panel mit verifizierten Teilnehmenden erhoben. Durch Quotierungen und Gewichtungen sind die Ergebnisse unter Berücksichtigung der jeweils ausgewiesenen statistischen Fehler repräsentativ für die bundesdeutsche Gesamtbevölkerung. Je nach Frage beträgt der statistische Fehler des Gesamtergebnisses zwischen 3,6 und 3,8 Prozentpunkten. Bei der Frage nach den größten Hürden waren Mehrfachantworten möglich.
Über das Forum Moderne Landwirtschaft
Das Forum Moderne Landwirtschaft ist eine bundesweit aktive Kommunikationsplattform für den Dialog zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft. Es bringt Landwirtinnen und Landwirte, Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie gesellschaftliche Zielgruppen miteinander ins Gespräch. Ziel ist es, moderne Landwirtschaft verständlich, transparent und faktenbasiert zu vermitteln und ihre Leistungen sichtbar und erlebbar zu machen.
Pressekontakt
Beatrix Reißig
Leitung Kommunikation / Pressesprecherin
Forum Moderne Landwirtschaft e. V.
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